Tausend und eine Freundschaft – meine Erfahrungen und Eindrücke aus dem Iran

 

„Wohin fährst du? In den Irak? Warum??“ „Iran, ich fahre in den IraN.“ „Egal, das ist doch total gefährlich!“ Die Gesichtsausdrücke, die diese Sätzen kurz vor meiner 2-wöchigen Iran-Reise begleiten, schwanken zwischen Entsetzen und Ungläubigkeit ob meines Vorhabens.

Der Iran ist auch ohne seine häufige Verwechslung mit seinem Nachbarland durch unsere Medien sehr stigmatisiert. Es ist wenig bekannt über das Land und noch weniger gutes. Die jahrelangen Provokationen Ahmadinedschads gegen die USA und Israel haben nicht geholfen. Aus diesem Grund kommen die meisten Menschen in Europa nicht im Traum darauf, eine gute Meinung vom Iran zu haben. Ganz zu schweigen davon, es als Urlaubsziel in Betracht zu ziehen.

Seit Rohani an der Macht ist, macht das Land zaghafte Gehversuche in Richtung Öffnung für den Tourismus. Doch der Iran ist trotz allem immer noch ein radikaler islamischer Staat, mit drastischen Gesetzen und stark vorherrschender Diskriminierung der Frau. Ganz unverständlich ist die Voreingenommenheit daher nicht.

Typische Architektur im Iran.

You are invited!

Doch wer sich mit dem Iran beschäftigt, oder sogar hin fährt, der bekommt ein ganz anderes Land zu Gesicht. Der Tourismus-Slogan des Irans lautet „You are invited“. Er könnte passender nicht sein. Meine Schwester gab mir den Klassiker „Geh da mit niemandem mit!!!“ als Rat mit auf den Weg. Am Ende ging ich überall hin mit.

Die Gastfreundschaft, die ich im Iran erlebte, war einzigartig. Sie hat mich umgehauen und alles vorher da gewesene übertroffen. In diesem Ausmaß habe ich das sonst nur in einem ähnlich zu Unrecht stigmatisierten Land, Pakistan, erlebt. Die Iraner lieben diejenigen Ausländer, die den Weg in ihr Land finden, über alles. Sie stürzen sich auf sie, nur um ihnen zu zeigen, dass sie nicht so schlecht sind wie das Bild, was man in der westlichen Welt von ihnen hat. Sondern dass das Gegenteil der Fall ist. Ich habe im Iran so viele Handynummern bekommen mit der Aufforderung, mich unbedingt zu melden falls etwas wäre, so viel kann mir in meinem ganzen Leben nicht passieren.

Im Iran wird man immer und überall von freundlichen, weltoffenen Iranern angesprochen.

Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden

Die jungen Iraner entsprechen überhaupt nicht dem, was man sich unter einem unterdrückten Volk mit konservativen Wertesystem vorstellt. Meiner Erfahrung nach sind sie weltoffen, modern und wollen Spaß haben.

Vor allem sind sie Meister im Regel-Brechen. Alkohol ist verboten. Gib ihnen 15 Minuten. Sie müssen nur schnell jemanden anrufen, dann ist Alkohol da. Parties sind verboten. Feiern sie eben hinter verschlossenen Türen. Facebook ist verboten. Sie haben trotzdem alle einen Account. Couchsurfing ist verboten. Gefühlt sind fast alle Iraner bei Couchsurfing und lieben es, ausländische Gäste bei sich beherbergen.

Ich bin bei alkoholfreiem Bier geblieben, Alkohol zu bekommen ist im Iran aber trotz Verbot kein Problem.

Hello, where are you from?

Die Iraner sind selbst in ihrer Reisefreiheit sehr eingeschränkt. Das einzige Land, was sie visumsfrei besuchen dürfen, ist die Türkei. Ein Gespräch mit einem Ausländer ist für sie auch ein Kontakt in die Welt.

Das ist der Grund, weshalb man im Iran selten alleine ist. Beim ersten Schritt auf die Straße wird man sofort angesprochen. Ob jung oder alt, jeder der ein bisschen Englisch kann, möchte wissen wo man herkommt, wie man darauf kam im Iran Urlaub zu machen und was die Deutschen eigentlich so über ihr Land denken.

Oft wird man direkt eingeladen. Ich war bei Iranern zu Hause, ich habe in einer Sprachschule eine Englischstunde gegeben, Iraner haben alles stehen und liegen lassen um mir die schönsten Orte ihrer Stadt zu zeigen. Die Erfahrungen die man gemeinsam mit den Iranern macht sind zahlreich und unglaublich toll.

Plötzlich Englischlehrerin: „meine“ Schüler in der Sprachschule (Selfies mit Ausländern machen die Iraner auch gerne wie man sieht).

Ein Land wie gemacht für Architekturliebhaber

Überhaupt hat der Iran architektonisch einiges zu bieten. Die zahlreichen wunderschönen Moscheen, Brücken und Häuser laden ein, in Städten wie Teheran, Isfahan oder Yazd auf Entdeckungstour zu gehen. Vor allem Isfahan hat mich verzaubert. Die Freitagsmoschee ist wunderschön, es gibt zahlreiche Parks und Brücken am Fluss Zayandeh Rud, wo sich abends Familien und Freunde zum Picknick einfinden.

Die Khaju-Brücke in Isfahan

Die Rolle der Frau im Iran

Als Frau im Iran zu reisen ist, abgesehen von der Kleiderordnung, überhaupt kein Problem. Im Gegenteil. Zum einen hat man sowieso immer Begleiter und ist selten allein. Zum anderen dürfen sich im Iran Männer und Frauen in der Öffentlichkeit nicht anfassen. Die Hand zum Gruß muss wenn die Frau zuerst ausstrecken. In Bussen gilt, dass unverheiratete oder nicht verwandte Männer und Frauen nicht nebeneinander sitzen dürfen.

Was drastisch klingt, ist der Traum einer jeden reisenden Frau. Man kann sogar bedenkenlos den Nachtzug nehmen, da die Regelung auch hier gilt. In der Metro in Teheran gibt es einen Waggon nur für Frauen. Gäbe es diesen auch in München, ich würde ihn nehmen. Die Stimmung darin war immer so schön entspannt.

Die Iranerinnen selbst sind entgegen dem was man vielleicht annehmen würde, starke, selbstbewusste Frauen. Die meisten sind berufstätig. Ich habe mit vielen gesprochen, die die Unterdrückung durch ihre Regierung leid sind. Sie hassen es, ein Kopftuch tragen zu müssen. Sie sind Meisterinnen darin, es so weit wie möglich nach hinten versetzt zu tragen und möglichst viele Haare herausschauen zu lassen.

Sowohl die einheimischen, als auch die ausländischen Frauen müssen sich an die Kleiderordnung halten.

So sicher ist der Iran

Selten wurden Vorurteile so widerlegt wie bei meiner Reise in den Iran. Wenn mir jetzt jemand erzählt, er fährt in den Iran, dann kommt mir daran nichts gefährliches oder besonderes vor. Ich fühle mich in südeuropäischen Großstädten nicht so sicher wie ich mich im Iran gefühlt habe.

Es gibt so gut wie keine Kriminalität, schon gar nicht gegen Ausländer. Man kann hier nachts auf die Straße gehen, man kann darauf vertrauen, dass man von niemandem abgezockt wird (ok außer vielleicht der Teppichhändler auf dem Bazar, aber das ist ein Klischee, was wohl in jedem Land der Welt erfüllt wird) und sein teures Kamera-Equipment überallhin mitnehmen.

Als Frau wird man zwar mal angesprochen und auch ein bisschen gebaggert, aber niemand wird zudringlich. Eine Reise in den Iran ist meiner Erfahrung nach absolut sicher.

In Teheran kann man sich genauso sicher bewegen wie im Rest des Landes.

Die Schattenseite

Für viele Iraner ist das Leben alles andere als einfach. Ihrem Land geht es durch die jahrelangen internationalen Sanktionen wirtschaftlich schlecht. Wer die vielen Verbote und Gebote missachtet, dem drohen drastische Strafen. Eine echte Zukunft sehen viele nur im Ausland.

Im Film Raving Iran geht es um zwei DJs, die ihre Leidenschaft zur Musik nur im Untergrund ausleben können, ständig in Gefahr, deswegen im Gefängnis zu landen. Sie werden zu einem DJ-Wettbewerb in die Schweiz eingeladen und bekommen dafür tatsächlich Visa. Es gibt eine Szene, in welcher einer der beiden aus dem Hotelzimmer in Zürich mit seiner Mutter im Iran telefoniert. Seine eigene Mutter drängt ihn inständig dazu, nicht zurück zu kommen. Sie möchte, dass er eine Zukunft hat. Selbst um den Preis, dass sie ihn vielleicht nie wieder sieht. Beide weinen.

Es bricht mir das Herz, ein so tolles Volk so unterdrückt zu sehen. Hätten sie eine echte Möglichkeit, die Iraner würden alles geben. Umso mehr sollten wir dem Iran eine Chance geben, uns von ihm überzeugen zu lassen. Vom Tourismus profitieren diejenigen Iraner, die sich engagieren, die um ein besseres Leben für sich und ihre Familien kämpfen, die der Welt offen entgegen treten.

Das Restaurant im Negin-Hotel. Tourismus wird hier dringend benötigt.

Sollte man in ein Land reisen, dessen Regime man nicht unterstützt?

Ein paar abschließende Wort noch zu dem Thema, ob man in ein Land fahren sollten, dessen Regime man nicht unterstützen möchte. Viele Länder haben fragwürdige Regierungen. Die USA haben die Todesstrafe, in Thailand herrscht Zensur, Italien teilt sich auf dem Korruptions-Index Platz 60 mit Kuba.

Gerade in Ländern, die keine Demokratien sind, können die Menschen nichts für ihre Regierung und stehen oft nicht hinter ihr. Egal um welches Land es geht, meine Meinung dazu ist: erstmal hin fahren, mit den Menschen reden und sich ein Bild machen. Wenn man danach entscheidet, dass man sich mit der Mentalität, Kultur oder was auch immer nicht identifizieren kann, ist das etwas anderes.

Das aller abschließendste Wort noch dazu, ob man in den Iran fahren sollte. Ja. Ja, ja und nochmals ja.


Ich freue mich, wenn dir mein Artikel gefallen hat und ich dir einige meiner Eindrücke aus dem Iran vermitteln konnte. Wenn du magst, folge mir auf:

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