Chai Tee, Selfies und die höchsten Berge der Welt: Erfahrungsbericht meiner Reise alleine als Frau durch Pakistan

 

„Do you want to hold it?“ Der Mann mit dem langen weißen Bart schaut mich herausfordernd an. Die Flammen des Lagerfeuers erhellen sein Gesicht. Seine Augen blitzen, ihm fehlen ein paar Zähne. Um uns herum herrscht völlige Dunkelheit. Am Himmel glitzern ein paar Sterne und in der Ferne sind die weißen Schneefelder der Berggiganten sichtbar, die uns umgeben. „Ok sure.“ sage ich, obwohl ich mir so sicher gar nicht bin. Ich nehme den Gegenstand entgegen, den er mir hinhält. Seine Kalaschnikow. Und lasse sie direkt fast wieder fallen, so schwer ist sie. Die Realisierung, was ich da eigentlich in der Hand halte, lässt mich kurz erstarren. Man muss die Emotionen in meinem Gesicht gesehen haben. Der Alte fängt krächzend an zu lachen.

Ich muss an die Worte meiner Freunde und Familie vor meiner Abreise denken. “Nach Pakistan fährst du aber nicht alleine?!” “Doch.” “Ernsthaft? Warum willst du überhaupt nach Pakistan? Ist das nicht viel zu gefährlich?!” Ich habe abgewunken, sie ignoriert und ein Flugzeug nach Islamabad bestiegen.  

Und jetzt sitze ich hier, mit einer Kalaschnikow in der Hand.

Doch hier wird gerade kein Albtraum wahr, sondern ein Traum. Denn der alte Mann ist nicht etwa ein Terrorist und ich bin auch nicht in einem Taliban-Camp gelandet. Auch wenn viele sich genau das vorstellen, wenn sie an Pakistan denken. Er ist der Chief Police Officer von Fairy Meadows, dem Ausgangspunkt zur Wanderung zum Nanga Parbat Basecamp. Der Nanga Parbat ist der 9.-höchste Berg der Erde, wegen der vielen beim Versuch seiner Besteigung verunglückten Bergsteiger auch Killer-Mountain genannt. Gefahr geht hier also nur von der Natur aus, die sich ab und an noch erfolgreich dagegen wehrt, von uns Menschen bezwungen zu werden. Die Polizisten, die sich heute Abend zu uns ans Lagerfeuer gesellt haben, sind äußerst freundliche Zeitgenossen. Auch wenn ihre Kalaschnikows etwas wahllos auf den Bänken um uns herum liegen. An ihren Anblick habe ich mich mittlerweile schon gewöhnt, auch wenn ich bis eben noch keine selbst in der Hand gehalten habe. Sie dienen der Sicherheit, denn Pakistan passt gut auf, auf seine ausländischen Gäste. Manchmal sogar zu gut.

In Fairy Meadows bekommen ausländische Touristen auf ihren Wanderungen eine Polizei-Eskorte, wie hier auf dem Weg zum Nanga Parbat.

Die Frage nach dem Warum musste ich im Vorhinein meiner Pakistan Reise in etwa genauso oft beantworten wie die Frage nach der Sicherheit. Das Warum ist einfach erklärt. Die Landschaft, gerade in Pakistans Norden, ist atemberaubend schön. Wer Berge liebt wird von den Orten und Landschaften entlang des Karakoram Highways verzaubert. Hier strecken sich die höchsten Berge der Welt in die Höhe, mit ihren schneebedeckten Gipfeln und kilometerlangen Gletschern. Dazwischen grüne Täler und pittoreske Dörfer. Das lässt sich mit Bildern auch gut belegen. 

Grandiose Berglandschaft auf dem Weg zum Nanga Parbat.

Blick auf das wunderschöne Hunza Tal.

Die Frage nach der Sicherheit ist komplexer. Sowohl vor meiner Abreise als auch nach meiner Rückkehr bleiben Freunde und Familie skeptisch. Vorher, weil Pakistan viel mehr als eines der gefährlichsten Länder der Welt bekannt ist, als ein einladendes Reiseziel, erst recht für alleinreisende Frauen. Hinterher, weil ich zwar davon berichte, wie sicher meine Reise durch Pakistan war, aber meine Bilder eben auch die des Pakistans zeigen, was wir in unseren Köpfen haben. Polizisten, mit Kalaschnikows bewaffnet. Männer mit langen Bärten und ernsten Blicken. Straßen, auf denen Frauen nur in Burkas verhüllt zu sehen sind. Es ist wahr. So viele Waffen und verhüllte Frauen wie in Pakistan an nur einem einzigen Tag, habe ich in meinem ganzen Leben zusammen noch nie gesehen. Und dennoch. Von all diesen Menschen geht keine Gefahr aus. Im Gegenteil. Die Polizisten sind sehr sympathische Kerle. Einer von ihnen ist vor Freude schier ausgeflippt, als wir festgestellt haben, dass er meine Freunde kennt, die letztes Jahr durch Pakistan gereist sind. Andere haben mir geholfen, beim Trampen ein passendes Auto anzuhalten oder waren genauso Selfie-wütig wie ihre zivilen Landsmänner. Die wiederum sind die nettesten, hilfsbereitesten und gastfreundlichsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte. Die zudem äußerst gebildet sind. Und die Frauen, zumindest diejenigen mit denen ich reden konnte, sind liebenswert und herzensgut.  

Wenn die Polizisten am Checkpoint nach erfolgreicher Kontrolle der durchreisenden Ausländer auch noch um ein Selfie bitten. Dafür legen sie ihre Kalaschnikow auch mal ab (liegt auf der Bank hinter uns).

Es gab einen Fall, wo man dann doch gemerkt hat, dass man in einem Land mit einer schwierigen Vergangenheit ist, in dem die Sicherheitsvorkehrungen manchmal drastischer sind. An Muharram, einem religiösen Feiertag, an welchem der Tod eines Enkels von Mohammed betrauert wird, war tatsächlich im ganzen Land das Telefon- & Handynetz abgestellt. Um zu verhindern, dass sich eventuelle Attentäter absprechen könnten. In Minapin, wo ich mich an diesem Tag aufhielt, war der Tag vor allem deswegen bedeutsam, da alle Männer an den Prozessionen teilnahmen, und im Dorf nur Frauen waren. Die dann auch offener waren und sich getraut haben, mich anzusprechen und sich mit mir zu unterhalten.

Wie ist das also, als alleinreisende Frau in Pakistan? Gar nicht so viel anders, als in anderen Ländern. Überraschenderweise sogar sicherer, als in anderen Ländern. Das einzige, womit man hier rechnen muss, ist angestarrt zu werden und um Selfies gebeten. Ansonsten besteht Pakistan – unglaublich aber wahr – nicht aus wütenden Terroristen, sondern aus äußerst netten Menschen, die ausländische Besucher aufs herzlichste Willkommen heißen. Sie zum Chai Tee einladen und sich freuen, sich mit ihnen zu unterhalten. Darüber, was man über Pakistan denkt, über ihre und die eigene Arbeit, über politisches Weltgeschehen und Religion. Frauen gegenüber sind sie respektvoll, oft wird z.B. gewartet, dass erst die Frau die Hand zum Gruß hinstreckt.

Nur zwei meiner zahlreichen neuen pakistanischen Freunde.

Hinzu kommt, dass man auch in Pakistan andere Reisende trifft. Die sind hier eine eingeschworene kleine Gemeinschaft. Jeder kennt gefühlt jeden, der zur selben Zeit im Land ist. Reisende in Pakistan sind tolle, weit gereiste Menschen, mit denen man gerne Zeit verbringt. Sodass ich auch in Pakistan am Ende gar nicht viel alleine bin. Ich bin entweder mit Einheimischen unterwegs, die mich unter ihre Fittiche nehmen, um mir ihre Stadt oder ihre Berge zu zeigen, oder anderen Reisenden mit denselben Zielen.

Auf dem Trek zum Rakaposhi Basecamp war ich sogar mit zwei weiteren alleinreisenden Frauen unterwegs.

Was Pakistan so anders macht, sind andere Dinge. Da ist zum einen die Landschaft, die jeden, der Natur und Berge liebt, in seinen Bann zieht. Die höchsten Berge der Erde befinden sich in Pakistan, darunter vier 8000er. Hier ist es noch so wild, rau und einsam, wie man es in anderen Ländern des Himalayas und seinen Ausläufern nicht mehr kennt. Denn Pakistan ist komplett untouristisch. Die Vorkommnisse von 9/11 und seine Auswirkungen haben die Touristen wie eine Sturmflut auf einen Schlag aus dem Land gefegt. Und als vor allem die Bergsteiger doch wieder kamen, wurden bei einem Attentat am Nanga Parbat 2013 11 von ihnen getötet, was dem Land einen neuerlichen Rückschlag versetzte. Seither ist es ruhig und vor allem sicher geworden im Land, was nicht zuletzt der massiven Polizei-Präsenz zu verdanken ist. Doch dieser Umstand hat es bisher nicht in die Berichterstattung der westlichen Medien geschafft. Und somit ist Pakistan in unseren Köpfen ein ganz anderes Land, als das, was es wirklich ist. Wir haben uns eine Meinung gebildet, die von der Wahrheit des heutigen Pakistans weit entfernt ist. Pakistan ist wohl eines der missverstandensten Länder der Welt. 

In Passu im Norden Pakistans besteht die größte Gefahr darin, sich so unsterblich in die Landschaft zu verlieben, dass man nie wieder weg möchte.

Aus diesem Grund sind ausländische Touristen in Pakistan heiß geliebt. Sie werden beschworen, doch bitte der Familie und Freunden zu Hause zu berichten, wie sicher, wie wunderschön ihr Land ist, und wie herzlich sie hier willkommen wären. Pakistan liefert sich mittlerweile eher Kämpfe mit dem Iran oder der Türkei darum, wer von ihnen denn nun Rang eins des gastfreundlichsten Landes der Welt einnimmt. 

Mit einem meiner pakistanischen Freunde, Liaqat aus Karimabad, unterhalte ich mich in diesem Interview noch etwas ausführlicher über Pakistan und die Herausforderungen beim Reisen durch das Land.

 

Die Gastfreundschaft in Pakistan ist wirklich unübertroffen. Ich habe vorhin erwähnt, dass ich nie so viele Waffen oder Burkas gesehen habe wie in Pakistan. Ich habe aber auch noch nie so viele Einladungen bekommen und Hilfsbereitschaft erlebt. Hätte ich nicht auch ab und an mal abgelehnt, hätte ich wahrscheinlich meine komplette Zeit in Pakistan ausschließlich damit verbringen können, mit den Einheimischen Tee zu trinken. Und mich mit ihnen dabei unterhalten. Denn die Pakistanis sind ein gebildetes Volk. Jeder spricht Englisch, viele noch 1 – 2 weitere Sprachen. Sie sind weltoffen und an Politik interessiert. Umso schlimmer zu sehen, wie schwer sie es aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage ihres Landes haben, ihr Potenzial auszuschöpfen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und viele sehen keinen anderen Ausweg, Geld zu verdienen, als z.B. in Dubai als Taxifahrer zu arbeiten. Jahrelang, getrennt von ihren Familien.

Dildar und Sherbaz arbeiten als Guides und führen Touristen ins Rakaposhi und Diran Basecamp.

Apropos Fahrer. Ich bin auch nirgendwo so viel getrampt wie in Pakistans Norden. Nicht nur war es viel komfortabler, als die klapprigen Minibusse. Ich habe auf diese Art und Weise so viele tolle Einheimische kennengelernt, stundenlange Unterhaltungen geführt und dabei viel Spaß gehabt. Wo sonst wird man von einer Mitfahrgelegenheit auch mal zwischendurch eben auf eine Runde Jetski fahren eingeladen? Oder Abends noch zum Abendessen eingeladen? Oder mal eben die Preisverhandlung in der nächsten Unterkunft übernommen? Wo sonst kann man einfach Polizisten ansprechen und sie bitten, doch jemanden anzuhalten, mit dem man zum nächsten Ziel mitfahren kann? Nur in Pakistan.

Beim Trampen am Karakoram Highway sieht man auch jede Menge der prächtigen pakistanischen Lastwagen. Leider war dieser hier schon über-besetzt.

Neben der Gastfreundschaft ist das Besondere an einer Reise nach Pakistan die Möglichkeit, in eine für uns fremde Welt und Kultur einzutauchen. Wer sich darauf einlässt, wird fasziniert werden. Während Islamabad und die Region Gilgit-Baltistan in Pakistans Norden noch vergleichsweise modern und westlich anmuten, ist der Rest des Landes geprägt von einer sehr religiösen Kultur, die sich durch die Straßen und das Leben der Menschen zieht. Auf dem Weg ins Swat Valley komme ich mir teilweise vor wie im Film. Meinem Wunsch, das “richtige Pakistan” kennenzulernen, komme ich hier schon sehr nah. Die Straßen und Städte sind staubig, die Gebäude in Braun-Tönen gehalten, unterbrochen nur von bunten Werbe-Plakaten mit Aufschriften in Urdu. Westliche Kleidung ist komplett verschwunden, ebenso wie die Frauen. Die Straßen, Busse und Autos sind geprägt von Männern, die die traditionelle Kleidung tragen. Frauen sehe ich hier nur noch stark verschleiert, viele tragen Burka. Auch in den Restaurants befinden sich in den Gasträumen nur Männer. Frauen essen gemeinsam mit ihren Ehemännern und Familien in separaten “Family Rooms”.

Straße in Mingora, die Hauptstadt des Swat Valleys.

Umso mehr falle ich auf. Überhaupt, als Frau auf der Straße. In westlicher Kleidung, noch dazu sind die meisten meiner Klamotten auffällig bunt. Ich trage entweder kein Kopftuch, und wenn, habe ich es mir nur locker übergeworfen, mein Gesicht ist frei. In Chilas, einer der konservativsten Städte Pakistans, darf ich nicht mal alleine das Hotel verlassen. Die Männer meines Hotels, die mich begleiten, sind nett, aber das ist anstrengend. Später reise ich gemeinsam mit einem Franzosen, den ich unterwegs kennengelernt habe, durch Swat. So sehr ich es liebe, alleine zu reisen, das macht die Sache für mich bedeutend einfacher. Frauen finden alleine in der Öffentlichkeit schlicht nicht statt, und ich hätte ansonsten wahrscheinlich immer und überall im Swat Valley einen “Beschützer” bekommen. Angestarrt und angesprochen werden wir auch so ständig. So selten sind ausländische Touristen hier, dass wir überall eine kleine Sensation sind. Die Menschen möchten wissen, wo wir herkommen, wie lange wir in Pakistan bleiben, wie uns ihr Land gefällt. In Kalam, einer Stadt tief im Swat Valley, 10 Stunden von Islamabad entfernt, macht ein einheimischer Tourist ein Video von uns. Eine Woche später werden wir in Islamabad beim Essen im Restaurant von einer jungen Frau angesprochen, sie würde uns kennen. Sie hat das Video gesehen, was sich unter ihren Freunden gerade verbreitet. Ich war auch noch nie so berühmt wie in Pakistan.

Gefühlt kommt man hier dem Ende der Welt sehr nah: Pakistans Swat Valley.

Auf Pakistan muss man sich einlassen. Reisen in Pakistan kann anstrengend sein, zeitraubend, und unbequem. Duschen sind oft kalt, wenn es überhaupt welche gibt, das gilt auch für die Nächte in schlecht isolierten Unterkünften in den Bergregionen. Die zudem, je nach Preisklasse, nicht immer ganz sauber sind. Ein westlicher Magen kann schon mal Probleme mit dem Wasser oder Essen bekommen. Man muss damit klar kommen, dass Frauen in konservativen Regionen in der Öffentlichkeit kaum vorkommen und schon die kleinsten Mädchen Kopftuch tragen. Als westliche Frau muss man hier und da Annäherungsversuche unverheirateter pakistanischer Männer abwehren.

Aber wenn man genau dieses Abenteuer liebt, was eine Reise nach Pakistan mit sich bringt, dann wird man dort eine unvergessliche Zeit haben. Reisen in Pakistan ist besonders. Pakistan beeindruckt, mit seiner unendlichen Schönheit. Wer Berge liebt, liebt Pakistan. Und Pakistan liebt seine Gäste. Die Gastfreundschaft der Menschen kennt keine Grenzen. Sie laden ihre Besucher ein ums andere Mal ein und auf ihre Hilfsbereitschaft kann man sich jederzeit verlassen. Zudem sind sie so stolz auf ihr Land. Und warum sollten sie auch nicht. Denn es ist ein Land, so wunderschön, dass es den Atem derjenigen, die den Weg hierher finden, ein ums andere Mal raubt.  


Ich freue mich, wenn dir mein Artikel gefallen hat und ich dich zu einer Reise nach Pakistan inspirieren konnte. Wenn du magst, folge mir auf:

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Servus, ich bin Annika. Auf der Suche nach den traumhaftesten Sonnenuntergängen und Gipfeln mit den atemberaubendsten Aussichten reise ich durch die Welt. Besonders angetan haben es mir außergewöhnliche Länder. Über die Abenteuer, die ich in diesen als alleinreisende Frau erlebe, berichte ich euch hier. 

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