Wie ich in Kirgistan zum Profi-Tramper wurde

 

„Du trampst auf keinen Fall mit Lastwagenfahrern!“ Kurz vor meiner Abreise nach Kirgistan schaut mich meine Freundin Heike entsetzt an. Ich hatte ihr gerade erzählt, dass man dort laut meiner Recherchen manchmal keine andere Wahl hat sich fortzubewegen. „Nein, keine Sorge!“ sage ich, und denke daran, dass ich meiner Mutter auf gar keinen Fall davon erzählen darf.

Bisher bin ich auf meinen Reisen zwar Menschen bereitwillig gefolgt, die mich zu sich nach Hause eingeladen haben, aber zu jemandem ins Auto einzusteigen, das ist gefühlt doch eine andere Nummer. Dass trampen ungefähr so gefährlich ist, wie seinen Kopf in das Maul eines Krokodils auf Diät zu stecken, wurde uns allen ja von klein auf eingetrichtert.

Die größeren Städte in Kirgistan kann man problemlos mit Minibussen oder Shared Taxis erreichen. So bin ich problemlos und vergleichsweise komfortabel von Bischkek, der Hauptstadt, nach Karakol gereist, dem Ausgangspunkt für die Wanderungen in das Bergdorf Altyn-Arashan und zum Ala-Kul See. Und dort kam es, dass ich zum ersten Mal getrampt bin, obwohl ich eigentlich gar nicht trampen wollte.

An einer Bushaltestelle wartet man nicht unbedingt auf den Bus, sondern einfach auf irgendjemanden der einen mitnimmt.

Die „Bushaltestelle“

Im Duet Hostel erklärt mir Ana, die Besitzerin, an welcher Straßenecke sich die „Bushaltestelle“ für den Bus zum Ausgangspunkt der Wanderung nach Altyn-Arashan befindet. Ohne Beschilderung, wie in Kirgistan oft üblich. Ohne zu wissen, wann der Bus kommt, wie in Kirgistan immer üblich. So stehe ich dort also mit meinem Rucksack und mache mich bereit zu warten.

Nach nur 5 Minuten hält – ein Lastwagen. Der Fahrer beugt sich über den Beifahrersitz, öffnet die Tür und winkt mir mit der Hand einladend zu. Wohin ich will ist auch ohne Verständigung klar, die Straße führt nur in eine Richtung und Altyn-Arashan ist ein bekanntes Wanderziel für die wenigen Touristen die sich hierher verirren. Ich habe nur ein paar Sekunden Zeit zu entscheiden, und steige kurzentschlossen ein.

Der Lastwagenfahrer

Der Fahrer ist für einen Kirgisen relativ groß und hat ein vom Wetter zerfurchtes Gesicht. Ein paar Zähne fehlen. Er spricht außer Hello kein Wort Englisch, ich kein Russisch oder Kirgisisch. Das hindert ihn nicht am Versuch, mir wieder und wieder etwas verständlich zu machen.

Er nimmt die Hände vom Lenkrad, gestikuliert und drehte sein Gesicht immer wieder zu mir statt zur Straße. Zwischendurch deutet er auf meinen Rucksack, der neben mir auf dem Sitz liegt. Da ich nicht verstehe was er meint versucht er es zunächst mit lauter reden. Da das überraschenderweise auch nicht hilft schreibt er es mir auf. Netter Versuch, die kyrillischen Schriftzeichen hatte ich zwar gelernt, aber verstehe das Wort leider trotzdem nicht.

Mir ist etwas mulmig zumute. Der Mann ist groß und stark, ich gefühlt klein und schwach und mir sicher, dass er mich irgendwohin mitnehmen und entführen will. Wie man das mit Frauen die trampen eben so macht. Ich resigniere, aktiviere Google Translate und drücke ihm mein Handy in die Hand. Wenn er mich entführen will bekommt er es am Ende ja sowieso. Er tippt etwas unbeholfen und gibt es mir zurück. Ich schaue aufs Display.

„Pferd“. Mir wird schlagartig klar, dass er mir ein Pferd vermitteln möchte, weil er der Meinung ist, dass mein Ziel, das auf 2400 Metern Höhe gelegene Altyn-Arashan, mit meinem schweren Rucksack viel zu anstrengend für mich ist. Das Eis ist gebrochen.

Ich bin heilfroh, doch nicht entführt zu werden und gebe ihm bei Ankunft am Ausgangspunkt vor lauter Erleichterung den größten Schein den ich habe. Dieser tröstet ihn definitiv darüber hinweg, dass ich sein Pferd abwechselnd mit vehementem Kopfschütteln und dem Zeigen auf meinen nicht vorhandenen Bizeps ablehne.

Zum Abschied lässt er es sich nicht nehmen, mir zu helfen, meinen Rucksack aufzusetzen und mich in Russisch (oder Kirgisisch?) wort- und gestenreich auf den Weg zu schicken.

Immer noch das gängigste Fortbewegungsmittel in Kirgistan: das Pferd.

Trampen ist in Kirgistan üblich

Ich bin danach noch unzählige Male in Kirgistan getrampt und habe die tollsten Erfahrungen dabei gemacht. Auf dem Weg nach Osch hat eine Familie mit 4 Kindern mich und einen Mitreisenden auf einer Strecke von 8 Stunden für eine kleine Beteiligung an den Benzinkosten mitgenommen. Ihre Kinder haben sie dafür in den Kofferraum verfrachtet, wo sie sich auf unseren Rucksäcken gestapelt haben.

Ein anderes Mal wurde ich an der Straße nach Ala Archa von einer Gruppe Kletterer mitgenommen, die auf dem Weg waren, ein Denkmal für einen abgestürzten und verstorbenen Freund zu errichten. Mein Angebot, mich an den Benzinkosten zu beteiligen schlugen sie mit den Worten „We are climbers!“ aus.

Genauso freundlich war ein junger Kirgise der mich und zwei andere Mädels am Ende des Tages dort bei strömendem Regen wieder einsammelte, obwohl wir völlig durchnässt und verschmutzt waren. Er wollte für die Fahrt nach Bischkek ebenfalls kein Geld, sondern nur eine Freundschaft bei Facebook.

Die Kinder finden es auf unseren Rucksäcken ziemlich gemütlich.

Wie immer gilt: gesunder Menschenverstand

Als Frau alleine zu trampen birgt natürlich die auf der Hand liegenden Gefahren. Aber andererseits sind Menschen, die Tramper mitnehmen, oft sehr offen und interessiert. Zudem wird man als Frau eher mitgenommen als als Mann.

Was mich sprachlos gemacht hat ist, wie oft mein Angebot, mich an den Benzinkosten zu beteiligen, mit großer Vehemenz ausgeschlagen wurde. In einem Land, in dem die Menschen so arm sind, und den Schein, den ich ihnen hinhalte, einfach nur nehmen müssten und es doch für selbstverständlich halten, einem Fremden einfach nur zu helfen. Aus reiner, purer Gastfreundschaft heraus, von der wir in unserer westlichen Welt so viel lernen können.

Wie immer auf Reisen gilt auch hier der gesunde Menschenverstand. Wer beim Blick ins Auto ein komisches Gefühl hat sollte immer lieber abwinken. Ansonsten lernt man so Einheimische und ihre Geschichten kennen, ist oft gerührt von ihrer Hilfsbereitschaft und ihrem Beschützerinstinkt und gewinnt nicht zuletzt Freunde fürs Leben.


Ich freue mich, wenn dir mein Artikel gefallen hat und ich dir die Angst oder Vorbehalte gegenüber dem Trampen nehmen konnte. Wenn du magst, folge mir auf:

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