Wie begegnet man als alleinreisende Frau den Ängsten und Sorgen von Eltern und Freunden? Ein Interview mit meiner Mutter.

 

Ist alleine zu verreisen nicht gefährlich? Gerade als Frau? Noch dazu in eher ungewöhnlichen Ländern? Viele Frauen, die alleine reisen, sehen sich einem skeptischen bis ängstlichen Umfeld ausgesetzt. Was entgegnet man den Sorgen von Freunden und Eltern?

Ich habe zu dem Thema diejenige Person befragt, die sich wahrscheinlich seit dem Tag meiner Geburt die meisten Sorgen um mich macht: meine Mutter. Hier spricht sie darüber, wie sie damit umgeht, dass ich alleine um die Welt reise, und welche Ratschläge sie bei Sorgen der Eltern hat.

Annika: Als meine letzte langjährige Beziehung zu Ende ging wussten wir nicht, dass das quasi den Startschuss für meine Backpacker-Reisen geben würde. Du hast damals folgenden Satz zu mir gesagt: „Weißt du, du bist auch ein bisschen langweilig geworden in dieser Beziehung. Ihr seid im Urlaub immer nur nach Südtirol gefahren. Du solltest die Chance nutzen und jetzt mal ein paar Abenteuer erleben!“ Hast du diesen Satz zwischenzeitlich mal bereut?

Mama: Du erinnerst dich aber genau. Nein, ich bereue diesen Satz nicht. Ich liebe Südtirol. Aber damals habe ich immer gedacht, wie können zwei junge Menschen jedes Jahr immer in die gleiche Region fahren. Ich hatte schon fest damit gerechnet, dass ihr mit der goldenen Ehrennadel vom Verkehrsamt geehrt werdet. Puh! Raus aus der Komfortzone! Aber hättest du nicht erstmal in den Vogesen oder in den Pyrenäen wandern können? Da ist es doch auch schön!

Annika: Ich liebe Südtirol auch und fahre übrigens immer noch mindestens einmal im Jahr hin! Meine erste Backpacking-Reise ging nicht in die Vogesen, sondern in den Iran. Ich bin zwar mit einer Freundin dorthin geflogen, aber du warst trotzdem alles andere als begeistert. Wie war das damals für dich?

Mama: Als du mich mit deiner Idee, in den Iran zu reisen konfrontiert hast, ging es mir einige Zeit nicht gut. Und dann noch individuell, nicht mal als Gruppenreise. Das war die Hammer Info. Durch meinen Kopf sind furchtbare Bilder gelaufen. Ich habe dich halbtot in einer Gasse liegen sehen, oder wegen eines kleinen Vergehens in einem dreckigen Gefängnis dahinsiechen sehen. Ich wusste, dass du mit Sicherheit das Kopftuch tragen nicht so ernst nehmen würdest, und gerne eine Haarsträhne hervorlugen lässt. Das war alles sehr belastend. Als ich dann gemerkt habe, dass ich dich nicht abbringen konnte von der Idee, habe ich es ausgeblendet. Ich wollte nichts mehr von der Geschichte hören, nicht mal wissen wann du fliegst.

Annika: Du hast mich doch dazu erzogen, mich an Regeln zu halten! Meiner Freundin Heidi ist das Kopftuch viel öfter runter gerutscht als mir. Insgesamt war es im Iran am Ende super sicher. Haarsträhnen darf man bedenkenlos zeigen und ins Gefängnis kommt man als Ausländer auch nur für Vergehen, für die man auch in Deutschland ins Gefängnis kommen würde. Ich bin heil und wohlbehalten zurück gekommen und habe danach noch viele weitere Reisen unternommen, alle alleine. Machst du dir mittlerweile weniger Sorgen?

Mama: Sorgen mache ich mir als Mutter immer. Bei jeder deiner Reisen. Tröstlich ist der Kontakt über WhatsApp, den du sehr pflegst mit uns. Du bist gut zu erreichen und wenn du weißt, dass du ein paar Tage ohne Netz bist, dann meldest du dich ab. Eigentlich haben wir durch die neuen Medien fast genauso viel Kontakt, wie wenn du in München bist. Das ist sehr schön.

Annika: Ich freue mich auch, dass die ganze Familie an meinen Reisen Anteil nimmt. Macht es für dich einen Unterschied wohin ich fahre? Zum Beispiel ob ich nach Asien oder Afrika fahre? Informierst du dich über die jeweiligen Länder in die ich fahre, z.B. beim Auswärtigen Amt?

Mama: Ja, natürlich macht es einen Unterschied, in welchem Land du bist, obwohl überall etwas passieren kann. Auch hier bei uns. Wir informieren uns immer über das Auswärtige Amt. Es ändert zwar nichts, aber wenn beruhigende Meldungen kommen, dann tut mir das gut.

Annika: Ich möchte unbedingt nach Pakistan. Wie findest du das?

Mama: Unmöglich! Und ich wünschte, dass du noch klein wärst und ich es dir einfach verbieten könnte! „Nein. Da fliegst du nicht hin“. Und wenn du fragst warum nicht, dann würde ich pädagogisch wertvoll antworten können: “Weil ich das sage!“ Sehr schade, dass das nicht mehr geht.

Annika: Ich erinnere mich an die Zeiten, in denen du diesen Satz gerne gesagt hast! Aber dir war doch immer wichtig, deine Kinder stark und unabhängig zu erziehen. Als ich 14 war, hast du mich für 3 Monate nach Frankreich geschickt, um dort in einem völlig fremden Umfeld und mit einer fremden Sprache zur Schule zu gehen. Ist dir klar, dass du zu einem großen Stück verantwortlich dafür bist, dass ich keine Angst habe, in fremde Länder zu fahren?

Mama: Meine Kinder stark und unabhängig zu machen war für mich sogar sehr wichtig. Neben den Werten wie Ehrlichkeit, Fairness, Mitgefühl und einem respektvollen und liebevollen Umgang miteinander. Ich habe euch aber nicht stark und unabhängig machen wollen, damit ihr in Länder wie Pakistan (!!!) fahrt, sondern für das Leben an sich.

Annika: Manchmal gehören abenteuerliche Länder und das Leben halt zusammen… Wie reagieren denn deine Freunde, wenn du ihnen von mir erzählst?

Mama: Meine Freunde finden dich toll. Ich sollte meine Freundschaften vielleicht nochmal überdenken…

Annika: Haha. Ich mag deine Freunde! Was würdest du anderen Eltern raten, die sich Sorgen um ihre Tochter machen, die gerade zum ersten Mal alleine verreisen will? Was können die Töchter dieser Eltern tun, um sie davon zu überzeugen, dass es OK ist alleine zu verreisen?

Mama: Ich würde ihnen sagen: „Spart euch eure Energie und euren Atem. Sie macht eh was sie will. Und es ist ihr Leben. Wenn das ihr großes Glück ist, dann muss sie es machen. Unsere Kinder sind eben irgendwann erwachsen und müssen ihren eigenen Weg gehen um ihr Glück zu finden.“

Die Kinder oder Töchter können ihre Eltern im Vorhinein in ihre Planungen mit einbeziehen. Außerdem sollten sie ihnen den Riesengefallen tun, sich regelmäßig melden. Du besorgst dir ja z.B. in jedem Land eine lokale Sim-Karte. Es hilft mir sehr, zu wissen wo du gerade bist und was du machst. Und die Töchter können ihre Eltern natürlich auch einladen, eine zeitlang gemeinsam mit ihnen zu reisen!

Annika: Du nimmst dir selbst gerade eine Auszeit und fährst gemeinsam mit deinem Partner mit dem Wohnmobil 10 Wochen lang durch Spanien und Portugal. Hat das deine Sichtweise auf das was ich mache verändert?

Mama: Ich lebe gerade meinen Traum und werde, so lange es möglich ist mit dem Wohnmobil unterwegs sein. Aber meine Sichtweise, bzw. meine Sorgen um dich, haben sich deshalb nicht verändert. Ich verstehe deine Freude am Reisen und ich bewundere dich auch für das, was du machst. Aber Angst werde ich immer um dich haben.

Annika: Danke Mama, dass du so offen und ehrlich geantwortet hast. Dass Eltern sich um ihre Kinder Sorgen machen, wird sich wohl nie ändern. Am wichtigsten ist, dass man miteinander spricht, die Sorgen ernst nimmt, aber dennoch einen Weg findet, das persönliche Glück im Leben zu finden – wo auch immer auf der Welt es sich befinden mag.


Ich freue mich, wenn dir das Interview gefallen hat. Wenn du magst, folge mir auf:

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Wer steckt hinter Sunsets & Summits?

Servus, ich bin Annika. Auf der Suche nach den traumhaftesten Sonnenuntergängen und Gipfeln mit den atemberaubendsten Aussichten reise ich durch die Welt. Besonders angetan haben es mir außergewöhnliche Länder. Über die Abenteuer, die ich in diesen als alleinreisende Frau erlebe, berichte ich euch hier. 

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