Auf dem Rücken der kirgisischen Pferde liegt das Glück der Erde: Pferdetrek zum Song-Kul

 

Der alte kirgisische Horseman mit dem wettergegerbten Gesicht mustert unsere Gruppe. „Du!“ Er zeigt zuerst auf mich und dann auf das größte Pferd. Ok, klar, warum nicht, ich bin die kleinste der Menschen und soll auf das größte der Pferde.

Doch der Mann wurde wahrscheinlich auf einem Pferd geboren, und wenn nicht, dann konnte er reiten bevor er laufen konnte. Ich vertraue darauf, dass er weiß was er tut. Kirgistan ist ein Reiter- und Nomadenvolk und wer das Land und seine Menschen so richtig kennenlernen möchte, für den ist ein Pferdetrekking, zum Beispiel zum Song-Kul, ein absolutes Muss und ganz besonderes Erlebnis. Todesmutig schwinge ich mich also in den Sattel.

Das große Pferd und ich haben uns schnell angefreundet.

Auf dem Rücken der Pferde…

Es ist noch früh am Morgen, aber die Sonne wirft ihre Strahlen schon jetzt auf die grasbewachsenen Hänge der atemberaubend schönen Bergwelt Kirgistans. Erwartungsvoll werfen wir unsere Blicke nach oben auf die Gipfel, über die wir heute reiten werden, um die nächsten drei Tage in das Nomadenleben der Kirgisen einzutauchen.

Reiten ist hier immer noch ein gängiges Fortbewegungsmittel und gehört zur kirgisischen Tradition wie das Nationalgetränk Kumys, was aus vergorener Stutenmilch hergestellt wird. Auch das will ich auf diesem Trip unbedingt probieren, obwohl sich die Geister, insbesondere die der westlichen Geschmacksnerven, stark daran scheiden.

Neben reiten ist das meine liebste Tätigkeit die nächsten 3 Tage: die grandiose Aussicht auf das unberührte Kirgistan genießen.

Ich habe den dreitägigen Pferdetrek zum Song-Kul, einem der größten und bekanntesten Seen der Region, in Kochkor über meine Unterkunft, das Happy Hostel, gebucht. Reit-Kenntnisse sind nicht notwendig, ich bin selbst vorher noch nie in meinem Leben auf einem Pferd gesessen.

Nachdem jeder ein Pferd zugeteilt bekommen hat machen wir uns auf den Weg. Wir sind eine bunt gemischte Gruppe aus Frankreich, England und Deutschland, sowie unsere kirgisischen Begleiter: eine Führerin, der Horseman und sein junger Assistent.

Die Pferde sind ob ihrer fremden Reiter zunächst ein bisschen skeptisch.

Die Pferde wollen erstmal testen wie durchsetzungsfähig ihre ausländischen Reiter sind (Antwort: nicht sonderlich) und ob sie nicht doch ihr eigenes Ding machen können (=an jeder lecker aussehenden Pflanze anhalten und sie genüsslich und in aller Seelenruhe verspeisen). Allerdings haben sie die Rechnung ohne unseren Horseman gemacht, der mit seiner Peitsche erstmal ordentlich zu tun hat. Was nicht so brutal ist wie es sich anhört und die Pferde tatsächlich dazu brachte, uns auf dem kleinen Pfad langsam aber sicher in Richtung der Gipfel der Bergkette zu tragen.

Unser kirgisischer Horseman weiß im Gegensatz zu mir genau was er tut.

Oh wie schön ist Kirgistan

Oben angekommen bekommen wir eine Vorahnung auf das, was die kommenden drei Tage auf uns wartet. Vor unseren Augen erstreckt sich unten das Tal, durch das wir gekommen sind. Gegenüber liegen die in sattem grün bewachsenen Berge, darüber blitzten vereinzelt die Schneefelder der höher gelegenen Gipfel hervor. Berge und unberührte Landschaften wohin das Auge blickt.

Wir sind schon jetzt berauscht vom Naturschauspiel Kirgistans. Das soll sich auch den Rest des Tages nicht mehr ändern. Blühende Wiesen wechseln sich ab mit Hügeln und Bergen, wir reiten durch Täler, queren Flüsse und passieren immer wieder kleine Nomaden-Siedlungen. Vor ihren Zelten grasen die Pferde.

Ein Idyll wie aus einem Bilderbuch.

Gegen Spätnachmittag erreichen wir die Nomadenfamilie bei der wir unsere erste Nacht verbringen werden. Wie immer werden wir mit Tee, Keksen und selbstgemachter Marmelade begrüßt. Den Abend verbringen wir auf einem nahegelegenen Hügel wo die Strahlen der untergehenden Sonne die umliegende Berge zum Leuchten bringen. Es ist ein magischer Moment in einem wunderbaren, unentdeckten und unberührten Land.

Unsere Jurte und das „Badezimmer“.

Später beim Abendessen bekommen wir Eintopf und es gibt jetzt auch die legendäre vergorene Stutenmilch zu trinken. Ich wollte sie wirklich mögen, ich habe in Malaysia fermentierte Durian gegessen und fand es gar nicht so schlecht. Aber ein Schluck Kumys reicht mir, um zu wissen, dass ich für meine restlichen Besuche bei kirgisischen Nomaden doch lieber bei Tee bleibe. Wir spielen noch eine Runde Karten, was die beiden kleinen Söhne der Nomadenfamilie außerordentlich spannend finden, und kuscheln uns dann auf unser von der Nomadenmama liebevoll hergerichtetes Lager in unserem Zelt.

Kurz vor Sonnenuntergang kann sich das Auge kaum satt sehen.

Auf dem Weg zum Song-Kul

Am nächsten Morgen setzen wir unser Pferdetrekking in Richtung Song-Kul fort. Wir schwingen uns vom Frühstück gestärkt wieder auf unsere Pferde, die wir mittlerweile doch lieb gewonnen haben. Ich würde sogar behaupten, sie uns auch! Wenn der Horseman nicht hinschaut lassen wir sie nämlich ab und zu mal eine leckere Pflanze am Wegesrand snacken.

Unsere Pferde haben immer Hunger.

Auf dem Weg zu unserem heutigen Ziel, dem Song-Kul, passieren wir den großartigsten Aussichtspunkt bisher. Die Pferde müssen sich etwas quälen am steilen Anstieg, aber zumindest für uns lohnt sich die Strapaze. Kirgistan verwöhnt uns auch hier. Auf der einen Seite sehen wir ein Bergpanorama wie gemalt. Zahlreiche Grün- und Brauntöne vermischen sich in einer schier endlosen Weite, darüber der strahlend blaue Himmel. Auf der anderen Seite sehen wir in der Ferne das blaue Band des Song-Kul. Die Wasseroberfläche glitzert mit der Sonne um die Wette. Der auf über 3000 Metern gelegene riesige Bergsee ist unser heutiges Ziel.

Auf dem Weg zum Song-Kul.

Am Song-Kul angekommen treffen wir auf eine etwas größere Nomadensiedlung. Die Jungs aus unserer Gruppe fordern die Nomadenkinder direkt zu einem Fußballspiel heraus. Die kleinen Kirgisen und die großen Europäer haben dabei einen Riesenspaß, ganz ohne gemeinsame Sprache. Nachdem wir abermals mit Tee, Keksen und Marmelade versorgt wurden, reiten wir ans Ufer des Sees. Ein paar Mutige aus unserer Gruppe wagen den Sprung in das eisig kalte Wasser (ich gehöre nicht dazu!).

Typisches Bild kirgisischer Landschaft am Song-Kul.

Unser Nachtlager für heute liegt in einer etwas nach hinten versetzten Nomadensiedlung, aber mit Blick auf den See. Nach einer Katzenwäsche am Fluss fallen wir auch heute müde vom Pferdetrekking in unser Nomadenzelt. Zwei der Engländer wollen sich draußen noch die Sterne anschauen, aber es ist selbst im August auf dieser Höhe nachts empfindlich kalt, sodass sie ihr Vorhaben bald aufgeben.

Abschied vom Nomaden-Dasein

Am nächsten Tag nehmen wir Abschied vom Nomaden-Dasein und reiten in das Dorf in welchem der Horseman und sein Assistent wohnen. Die Familie nimmt uns auf wie Freunde und wir bekommen ein leckeres Mittagessen. Ich für meinen Teil kann nach drei Tagen im Sattel erstmal nicht mehr sitzen, aber der Eintopf lässt sich auch im Stehen genießen. Bis wir abgeholt werden spielen wir im Garten mit den Kindern der Familie und den Hundewelpen.

Ein kleiner kirgisischer Junge und sein Hund.

Ich lasse meinen Blick über das Dorf und die umliegenden Berge schweifen und mir wird wieder einmal bewusst, wie wenig man doch zum Leben braucht. Die Menschen hier sind glücklich und leben im Einklang mit der Natur und den Tieren. Ich frage mich, ob wir den ganzen Überfluss, in welchem wir leben, eigentlich brauchen. Wir haben alles, aber glücklich sind die meisten von uns trotzdem nicht.

Ich kann diese Frage heute nicht beantworten, aber ich weiß, dass ich die letzten drei Tage glücklich war. Glücklich, durch eine der schönsten Landschaften die ich bisher gesehen habe zu reiten, die Menschen die dort leben kennenzulernen und dieses Leben für einen kurzen Moment mit ihnen teilen zu dürfen.


Buchung

Ich hatte verschiedene Angebote für Pferdetrekking zum Song-Kul eingeholt, u.a. über CBT. Über die Agentur Kyrgyz Nature Travel Company die vom Besitzer des Happy Hostels in Kochkor betrieben wird, bekam ich den günstigsten Preis. Für drei Tage, inkl. Transfer, Verpflegung & Übernachtung bezahlte ich ca. 90€. CBT verlangte fast das Doppelte, allerdings haben sie sehr professionelle Guides die teilweise sogar deutsch sprechen. Unser Guide war ein junges Mädchen was nur sehr schlecht englisch sprach und mehr an guten Fotos für ihren Instagram Account interessiert war als daran, sich um uns zu kümmern. Das hat uns weiter nicht gestört, da unser Horseman den Weg glücklicherweise auch kannte.

Unterkunft

Übernachtet wird im Gästezelt der Nomadenfamilien. Ich hatte meinen eigenen Schlafsack dabei, aber es gibt genug Decken, sodass niemand nachts frieren musste. Generell ist alles sehr basic, es gibt das typisch kirgisische Plumpsklo, Zähne putzen und waschen wird am Fluss erledigt. Die Rucksäcke werden auf die Pferde gebunden, ich hatte nur das dabei, was ich für die 3 Tage brauchte. Es ist aber auch möglich mit seinem kompletten Gepäck (Rucksack) auf das Pferdetrekking zum Song-Kul zu gehen, wenn man etwa im Anschluss direkt weiterreist.

Weiterlesen

Aus einer anderen und vor allem französischen Perspektive könnt ihr über diesen Pferdetrek auch bei meinen Freunden von The Cerise On The Cake nachlesen.


Ich freue mich, wenn dir mein Artikel gefallen hat und ich dich zu diesem grandiosen Erlebnis in Kirgistan inspirieren konnte. Wenn du magst, folge mir auf:

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Servus, ich bin Annika. Auf der Suche nach den traumhaftesten Sonnenuntergängen und Gipfeln mit den atemberaubendsten Aussichten reise ich durch die Welt. Besonders angetan haben es mir außergewöhnliche Länder. Über die Abenteuer, die ich in diesen als alleinreisende Frau erlebe, berichte ich euch hier. 

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