Meine Freunde haben Babies, ich habe einen Rucksack – wie es sich anfühlt, mit Mitte 30 Single zu sein 

 

„Du solltest unbedingt mal Jochen kennenlernen.“ „Wer, wieso?“ „Na Jochen, der wär voll was für dich!“ Meine Freundin Inga schaut mich an als würde sie mir gerade einen Lottogewinn verkünden. Ich bin skeptisch. Zu Recht, wie sich herausstellt. „Du der ist seit kurzem Single weil seine Freundin die wollte unbedingt Karriere machen und er will unbedingt Kinder und jetzt ist er echt traurig und ich dachte mir ihr würdet gut zusammenpassen! Der hat sich jetzt auch ein bisschen gehen lassen und der bräuchte eine Frau die ihn dazu bringt wieder mehr Sport zu machen. Willst du ihn nicht mal kennenlernen??“ Ähm. Auf gar keinen Fall. Aber Inga ist so begeistert und ich will sie nicht enttäuschen. „Ja klar, können wir ja mal machen.“ sage ich und ringe mir ein gequältes Lächeln ab.

Meine Gedanken schweifen kurz ab. Für einen Moment sind sie wieder am Strand in Mosambik. Bei dem Surfer, den ich dort kennengelernt hatte, der schon mit dem Motorrad durch Afghanistan gefahren ist und gerade auf dem Weg in die einsame Wüste Angolas, auf du und du mit Schlangen und Skorpionen, weil er die Abgeschiedenheit und das Abenteuer zum Leben braucht wie wir Normalos die Luft zum Atmen. Ein paar Blicke und noch weniger Worte waren ausreichend um es um mich geschehen zu lassen. Der Bus, den ich an dem Tag eigentlich nehmen wollte, ist damals ohne mich gefahren. Soll ich Inga fragen ob sie so jemanden auch noch in ihrem Freundeskreis in petto hat? „Ach und er ist übrigens Controller, also ganz was solides, hey toll, also ich geb ihm dann gleich mal deine Nummer!“ Hört sich nicht so an. Ich gebe mich geschlagen.

Ich verstehe nicht, warum das für unsere Gesellschaft, die sich immer als so offen und tolerant rühmt, so schwer zu akzeptieren ist. Dass es Menschen gibt, die alleine glücklich sind. Beziehungsweise lieber alleine sind, als einen Kompromiss einzugehen. Beziehungsweise, das Wort passt hier ja ganz gut. Wenn mir sowas über den Weg läuft, so eine Beziehung, klar, her damit. Aber doch nicht um jeden Preis. Wieso soll ich die Freiheit, die mich so glücklich macht, leichtfertig aufgeben? Um eine gesellschaftliche Norm zu erfüllen? Ernsthaft??

Wahrscheinlich fühle ich mich deshalb auf Reisen so wohl. Für mich und diejenigen, die ich hier kennenlerne, zählen gesellschaftliche Konventionen nicht. So unterschiedlich unsere Geschichten sind, das ist die Tatsache, die uns vereint. Hier würde niemand auf die Idee kommen, den anderen in eine Schublade zu stecken. Es geht hier nicht darum, warum wir etwas sind oder nicht sind. Es geht nur darum, wer wir sind.

Zu Hause wird das gefühlt manchmal vergessen. Hier kann man nur sein, wenn man zu zweit ist. Und wenn der Markt mit Mitte 30 eben weitgehend leergefegt ist, dann hört sich Jochen auf einmal an wie der perfekte Mann für mich. Auch wenn die einzige Eigenschaft, die uns verbindet, diejenige ist, dass wir beide Single sind. Ob Jochen wohl schon mal in der Wüste Angolas war? Ich rufe Inga an um nachzufragen. „Angola? Äh nee, wüsste ich jetzt nicht. Aber letztes Jahr, da hat er einen Roadtrip gemacht, hab die Bilder bei Insta gesehen, muss total cool gewesen sein!“ Roadtrip? Ich horche auf. „Ja, durch Österreich!“ Hrmpf. Ich kann Österreich von meinem Balkon aus sehen. Es ist schön da, keine Frage. Aber eben auch so….normal.

Es gab Zeiten, in denen war auch ich mir sicher, dass ich heiraten und Kinder bekommen würde. Aber wie das eben so ist im Leben, es läuft manchmal nicht nach Plan. Für mich war der Nicht-Plan das Beste, was mir hätte passieren können.

Denn plötzlich ist mir aufgefallen, dass ich am glücklichsten bin, wenn ich meinen Rucksack packe und in die Welt ziehe. Alleine. Unglaublich aber wahr. Wenn ich im Dschungel Borneos in einer Bambushütte sitze, und dem Zirpen der Grillen, dem Quaken der Frösche und den Rufen der Geckos lausche. Wenn ich mit kirgisischen Nomaden durch die Berge reite oder über Kapstadt aus einem Flugzeug springe. Wenn ich mir die Welt im wahrsten Sinne des Wortes so mache, wie sie mir gefällt.

Auf Instagram gibt es einen Account einer 91jährigen russischen Babuschka, die regelmäßig Fotos ihrer Reisen um die Welt postet. Ich finde sie großartig. Ist ihr Leben das, was ich will? Keine Ahnung. Auch deswegen fühle ich mich auf Reisen so verstanden. Wir Reisenden wissen alle nicht, wo uns unser Leben hinführen wird. Das Fernweh spült uns an die abgelegenen Orte dieser Welt, in denen nur die Gegenwart zählt. Hier kommen wir zu der wichtigsten Erkenntnis von allen. Die, dass es nicht schlimm ist, wenn ein Leben nicht komplett vorbestimmt verläuft.

Im Gegenteil.


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Servus, ich bin Annika. Auf der Suche nach den traumhaftesten Sonnenuntergängen und Gipfeln mit den atemberaubendsten Aussichten reise ich durch die Welt. Besonders angetan haben es mir außergewöhnliche Länder. Über die Abenteuer, die ich in diesen als alleinreisende Frau erlebe, berichte ich euch hier. 

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